GlossRezension Kreuzigung

Von Jule Böhler, Ostern 2020

Ich sag mal so…

…ich mag sie, diese sonntäglichen Brunches bei meinen Eltern auf dem Land. Besonders, wenn mal wieder ein Feiertag wie Ostern ist.

Mama Helly räumt zuvor gefühlt wochenlang das ganze Haus auf, kümmert sich hingebungsvoll um den Garten und besonders um die Dekoration und Papa Helmut, genannt Hanni kocht und brutzelt im Schweiße seines Angesichts zarte Lämmchen mit Knoblauch und Rosmarin im Ofen und bringt kunstvolle Menüs und lecker Weinchen auf den Tisch.

Wenn wir drei Kinder, die wir ja alle schon aus dem Gröbsten raus sind mit samt unseren Anhängen am Osterfrühstückstisch sitzen und es nach dem opulenten Mahl heißt: „Jule, spiel doch mal „Für Elise“ auf dem Klavier“ oder „sollen wir lieber den Osterspaziergang vorlesen“ suchen meine Brüder und ich krampfhaft nach einer besseren Alternative.

„Helly, ein neues Kunstwerk, wie schön“ ruft meine Schwägerin Tülin entzückt – ein hervorragendes Ablenkungsmanöver. „Tja,“ sagt Mama Helly sichtbar erfreut, „das ist, wie unschwer zu erkennen ist der Herr Jesus am Kreuz, passend zu Karfreitag“. Wie es der Zufall will, erschien ihr der Herr Jesus just genau vor einem Jahr, ebenfalls am Karfreitag. Auch wenn Mama es mit der Kirche nicht so hat, Motto: Der da oben ist in Ordnung, aber mit dem Bodenpersonal kann ich nichts anfangen, ist der Gottessohn ein spirituelles und gern genommenes Motiv.

Aber nun zu Hellys neuem Kunstwerk KREUZIGUNG:

In der Bildmitte hängt Jesus Christus am Kreuz, leidend, sich aufopfernd für alle Menschen. Der Freitag vor dem Ostersonntag, der Karfreitag ist der höchste und stillste Feiertag der Christen. Man gedenkt den Qualen Jesu und ist zugleich hoffnungsvoll. Ostersonntag wird die Auferstehung des Gottessohns von den Toten gefeiert. Der Jesus auf dem Bild ist zudem ein schwarzer Jesus. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken wurden zwei seiner Gefolgsleute ebenfalls ans Kreuz genagelt. Sie sind in einem grau-bräunlichen Nebel im Hintergrund zu sehen. Diese düstere Farbe korrespondiert mit einem roten Mond und symbolisiert das Böse.

Im Hintergrund des Gekreuzigten ist eine riesige goldene Sonne zu sehen. Auf Nachfrage handelt es sich bei der Sonne aber auch um die Aura, den Nimbus. Die goldene Farbe für die Sonne wurde übrigens extra aus einem Spezialgeschäft aus dem sonnigen Andalusien importiert „so eine himmelhochgute Farbe gibt’s sonst gar nicht zu kaufen“. Der warme Glanz des Goldes hat schon immer alle Kulturen fasziniert und steht für Wärme, Sonne, Licht, Weisheit und ist last not least ein Statussymbol. Aber auch Herz, Perfektion, Ganzheitlichkeit, Heiligkeit und Reinheit werden mit der Sonnenfarbe in Verbindung gebracht. Die aufgehende Sonne gilt im Christentum als Symbol für Gott, der den Weg erhellt. Jesus als der Auferstandene weist dem Gläubigen den richtigen Weg.

Die Sonne auf dem Bild steht ganz klar für das Gute auch in ihrer Größe und Präsenz im Gegensatz zum Mond.

Dieser kleine rote Vollmond steht rechts hinter der riesigen goldenen Sonne. Es ist ein sogenannter Blutmond, wie er bei einer Mondfinsternis zu sehen ist. Die alten Germanen, die von Astronomie noch keine Ahnung hatten, hatten große Angst vor dem roten Vollmond. Einer keltischen Sage nach

jagte der Wolf Hati den Mond jeden Tag um die Erde und wenn er ihn fing, fraß er ihn auf. Dadurch wurde er blutrot. Die Chinesen hingegen nahmen an, es handele sich um einen Drachen mit ebensolchen Absichten, die alten Griechen vermuteten gar einen blutigen Hexensabbat. Dem Mythos nach dachten die Menschen, dass etwas Übles bevorstehen würde.

Heute weiß man, dass bei einer Mondfinsternis Sonne, Erde und Mond in einer Linie stehen. Die Sonne scheint auf die Erde, die dann ihren Kernschatten auf den Mond wirft und diesen verdunkelt. Die rote Färbung unseres Trabanten kommt von den roten Farbanteilen des Sonnenlichts, die von der Erdatmosphäre auf den Mond gelenkt werden.

Im Bild siegt die gute Sonne über den bösen Blutmond, denn sie ist omnipräsent und der Mond nur klein im Hintergrund auszumachen. Das Gute siegt also über das Böse.

Das Kreuz Jesu und auch die seiner Gefolgschaft sind in leuchtendem Türkis ausgeführt. Andeutungsweise, in Farbtupfern. Mit Türkis als Übergangsfarbe zwischen blau und grün werden positive Attribute wie Sommer, Meer, Wellen und strahlender Himmel assoziiert. Die Farbe soll neue Kraft mobilisieren und steht für Selbstbewusstsein, Anmut und Gelassenheit.  Das Kreuz ist eine der zentralen Symbole der Christen und symbolisiert nicht nur für die Kreuzigung und den Tod Jesu, sondern auch seine Auferstehung von den Toten und damit für die Hoffnung.

Die Vögel, die wir außerdem noch auf dem Kunstwerk sehen, stehen für Hoffnung und Zuversicht sowie Freiheit der Seele. Freie Gedanken, die zum Himmel aufsteigen. Freiheit, freie Gedanken sind wohl Ziele aller Menschen der Welt.

Das Bild wurde in Acryl auf Leinwand gemalt – figurativ, gegenständlich aber auch abstrakt. Das Kunstwerk wurde innerhalb eines Jahres erschaffen, wobei Jesus Kopf etwa dreimal umgestaltet wurde.

Nun ja, das Klavierspiel und der Osterspaziergang wurde uns glücklicherweise erspart, aber um Spiritualität sind wir nun doch nicht herumgekommen.

Mama Helly weist uns nochmals darauf hin, dass außer dem Jesus noch mindestens 20 neue Kunstwerke und 80 weitere Leinwände aus früherer Produktion aus verschiedenen Schaffensphasen in ihrer Werkstatt zu sehen und zu erwerben sind.

So gibt es abstrakte Acryl-Bilder in verschiedenen Formaten, Afrikaimpressionen und Porträts zu entdecken.

Die müssen nun dringend weg, denn Helly braucht den Platz für neue Werke.

Darauf trinken wir einen leckeren Eierlikör mit Espressopulver und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein.

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